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Der Spagat am Regal

Der Spagat am Regal © pixabay.com

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POS kompakt - Ausgabe 01/2010

Warenpräsentation versus Diebstahlprävention

Was haben Rasierklingen, Kondome, CDs, Spirituosen, Tabakwaren und teure Körperpflegeprodukte gemeinsam? Sie alle stehen auf der Hitliste der Klaurenner ganz oben. Ein zweifelhafter Ruf! Nicht selten weiß sich der Handel nicht anders zu helfen, als diese Produkte aus dem offenen Verkauf heraus zu nehmen, da der Verlust durch Diebstahl jeglichen Ertrag, der mit diesen Produkten erwirtschaftet werden kann, auffrisst. Die Krux dabei ist nur: sobald ein Produkt aus dem offenen Verkauf verschwindet und sein Dasein in verschlossenen Vitrinen, Verkaufsautomaten oder einfach nur inkognito in Form einer Produktkarte am Haken fristen muss, gehen die Umsätze mit diesen Produkten eklatant nach unten. Bleibt also die Qual der Wahl? Hohe Diebstahlquote, einbrechender Absatz oder gar Auslistung?

Diebstahl ist so alt wie der Handel selbst. Zu allen Zeiten haben sich die Händler gefragt, wie sie begehrte Produkte vor Langfingern schützen können. Dabei gilt: Diebstahl ist nicht gleich Diebstahl: Neben dem Individualdiebstahl machen insbesondere der organisierte Bandendiebstahl sowie der Mitarbeiter-Diebstahl den Händlern zu schaffen. Je nach Branche ergibt die jährliche Inventurdifferenz -Studie des European Retail Institutes (EHI), dass ca. 50% der Diebstähle durch unehrliche Kunden oder Banden begangen werden und immerhin fast 25-30% der Diebstähle vom eigenen Personal und Servicekräften verübt werden, sozusagen als „Lohnersatzleistung". Der Rest der sogenannten Inventurdifferenzen ist auf organisatorische Ursachen wie Verderb, Bruch, Buchungsfehler, etc. zurück zu führen. Um dem Kind einen Namen zu geben: Insgesamt sprechen wir über jährlich ca. 4 Mrd. EUR Inventurdifferenzen im deutschen Einzelhandel, von denen ca. 3 Mrd. EUR durch Diebstahl verursacht werden. Nach wie vor stiehlt – statistisch gesehen – jeder deutsche Haushalt jährlich Waren im Wert von über 50 Euro im Einzelhandel. Auf den Lebensmittelhandel projiziert bedeutet dies, dass rund jeder 200. Einkaufswagen unbezahlt die Kasse passiert.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die polizeiliche Anzeigenstatistik stark rückläufig ist. Seit 1997 ist die Zahl der Anzeigen aufgrund von Diebstahl im Einzelhandel um ca. 37% gesunken, die Inventurdifferenzen sanken im gleichen Zeitraum allerdings nur um 15%. Dies ist nicht zuletzt auf eine gewisse Anzeigenmüdigkeit aufgrund mangelnder Bestrafung von Ladendieben zurück zu führen. Das dieses Problem nach Lösungen ruft, scheint sonnenklar. Dem deutschen Einzelhandel ist der Schutz seiner Handelswaren jährlich ca. 1 Mrd. EUR wert. Im Wesentlichen wird dieser Betrag für präventive Maßnahmen ausgegeben. Dazu zählen u.a. Personalschulungen, gezielte Detektiveinsätze, der Einsatz von Kamera- und Videotechnik, der Einsatz von konventionellen oder elektronischen Warensicherungssystemen sowie diebstahlhemmende Warenträger.

Insbesondere die elektronischen Warensicherungssysteme haben in den letzten Jahren rasant an Bedeutung gewonnen: Wer kennt sie nicht, die Checkout-Antennen, mit deren Hilfe geprüft wird, ob der Kunde noch Ware mit aktivierten Sicherungsetiketten bei sich trägt? An der Ware befestigt sorgt das Sicherungsetikett dafür, dass bei Diebstahl entweder Alarm ausgelöst wird oder die Ware unbrauchbar wird. Warensicherungsetiketten müssen beim regulären Bezahlvorgang entfernt oder deaktiviert werden. Sowohl für den Händler als – in der Regel – auch die Industrie bringt diese Form der Warensicherung allerdings erhebliche Kosten mit sich. Nicht nur die Etiketten kosten zusätzlich Geld, auch das Anbringen bzw. das Deaktivieren sowie die komplette Infrastruktur schlagen mit erheblichen Summen zu Buche. So findet sich diese Form der elektronischen Artikelsicherung (EAS) denn auch zumeist nur bei hochpreisigen Klaurennern, bei denen die Mehrkosten durch die – dann natürlich geringeren – Margen abgedeckt werden können.

Eine interessante Alternative zur elektronischen Artikelsicherung bieten „diebstahlhemmende Warenträger", die allerdings einen freien Zugriff auf die Ware erlauben sollten, um nicht zum Absatzkiller zu werden. Das Prinzip diebstahlhemmender Warenträger ist einfach: Diebstahl ist nur möglich im Schutz der Anonymität, jeder Dieb hat Angst vor Entdeckung. Eine effektive Diebstahlschutz-Strategie ist somit die Zerstörung der Komfortzone des Diebes: seiner Anonymität.

Moderne diebstahlhemmende Warenträger nutzen heute intelligente Sensorik, um den Zugriff auf Ware zu erkennen. Beim Zugriff lösen sie sortiments- oder platzierungs-abhängig eine akustische und/oder optische Botschaft aus (z.B. Markenwerbung oder der Hinweis auf eine Sonderaktion). Den ehrlichen Konsumenten wird die akustische Botschaft nicht von seinem Kauf abhalten, der Dieb denkt sich aber in diesem Moment „Ist jemand auf mich aufmerksam geworden, bin ich erkannt?". Setzt der Dieb seine Klautour trotzdem fort, ertönen nun in einstellbaren Zeitabständen weitere Botschaften bis hin zu einem Alarm am Regal, der das Ladenpersonal und andere Kunden auf den potenziellen Dieb aufmerksam macht.

In der Praxis kann durch diese psychologische Täterabschreckung eine Reduktion der Diebstahlquoten um bis zu 90% erzielt werden. Der größte Nachteil der elektronischen Artikelsicherung, die laufenden Kosten, entfällt bei diebstahlhemmenden Warenträgern komplett. Auch die Anschaffungskosten halten sich – in der Regel – in Grenzen. In Kombination mit modernen Videoüberwachungs-systemen können sensorische Warenträger nicht nur präventiv wirken sondern unterstützen auch die Täterermittlung. Der Sensor im Regal setzt beim Zugriff auf die Ware durch den Täter einen Marker in die Videoaufzeichnung. Die Videosequenz, welche den Warenzugriff des potenziellen Täters zeigt, wird an den Kassenarbeitsplätzen oder beim Sicherheitsdienst eingeblendet und ermöglich somit die Identifikation des Täters.

Allerdings: Egal welche Form des Diebstahlschutzes gewählt wird: Ist das Personal nicht im Umgang mit der Technik – aber insbesondere im Umgang mit spezifischen Diebstahlsituationen – geschult, ist alles nichts.

Udo Voßhenrich, Geschäftsführer der POS TUNING Udo Voßhenrich GmbH, Bad Salzuflen

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