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Überlassen wir Amazon die Zukunft des Einkaufens?

Foto: Copyright: POS TUNING | pixabay.com
POS Kompakt 01/2017

Die Zeiten, dass Amazon ein Online-Händler war, sind längst vorbei. Schon im November 2012 teilte der Amazon-Gründer Jeff Bezos im amerikanischen Fernsehen mit: „Wir würden liebend gern stationäre Geschäfte eröffnen.“ Amazon wisse nur noch nicht genau, wie. Das hat sich jetzt geändert. Ende letzten Jahres annoncierte Amazon seinen neuesten Coup: Amazon Go: Ein vollautomatisierter Convenience Store in Seattle – für die Öffentlichkeit leider bis auf weiteres leider nicht zu besuchen.

Allein die Ankündigung dieses Formats, das offensichtlich noch nicht marktreif ist, sorgte für ein heftiges Erdbeben im weltweiten Einzelhandel. Nicht nur, dass mittlerweile über 60 Mrd. Euro Umsatz in Deutschland über das Internet laufen, davon lt. Handelsblatt ca. vier Fünftel über Amazon, nein, mit jährlichen Wachstumsraten von knapp 10 Prozent schielen alle traditionellen Händler neidisch auf den Online-Handel und versuchen – mehr oder weniger engagiert – ein Stück von dem Kuchen abzubekommen. Während der traditionelle Einzelhandel also seit nunmehr zehn Jahren darüber streitet, ob es Multi-Channel oder Omni-Channel heißt und wie man die eigenen Sortimente ins Internet bekommt, dreht Amazon den Spieß um und attackiert nun auch stationär. Damit lautet die Frage nicht mehr: Verschwindet der stationäre Handel? Sondern: Wer betreibt ihn?

Die Voraussetzungen, auch stationär erfolgreich zu sein, sind für Amazon dabei denkbar gut. Der Online-Primus hat kontinuierlich und strategisch seine Logistik getunt. Die Prozesse und die Infrastruktur von Amazon sind so gut und so groß dimensioniert, dass Amazon seine Expertise mittlerweile frei am Markt anbietet. Das Produkt heißt „Fulfillment by Amazon“. Lt. Internethandel.de kostet ein Paletten-Stellplatz pro Monat ca. 4,25 Euro, eine Lagerbewegung kostet zwischen 1,20 Euro und 1,50 Euro, die Einmalgebühren pro Auftrag betragen 99 Cent und der Versand schlägt mit 20 Cent pro Kilo zu Buche. Für dies Geld können viele kleine Händler sicher keine ausgefeilte Logistik mit hoher Verfügbarkeit realisieren. Auch die Provisionskosten sind mit 7-15 Prozent im Rahmen des Erträglichen. Doch nicht nur seine Logistik bietet Amazon für Dritte an. Die Bereitstellung der Amazon-Server für Hosting-Dienste trug schon 2015 mit knapp 10 Prozent zum Umsatz von 107 Mrd. USD bei. Hinzu kommt, dass Amazon mittlerweile Google als Produkt-Suchmaschine abgelöst hat. Amazon beantwortet rund 33 Prozent der produktbezogenen Suchanfragen, Google kommt hier lt. Studie „Cross-Channel im Umbruch“ nur auf 14,3 Prozent.

Amazon experimentiert dazu mit verschiedenen Technologien, um sich auch in den heimischen vier Wänden des Shoppers niederzulassen. Zwei gute Beispiele dafür sind der Amazon Dash-Button und Amazon Echo bzw. Alexa. Während der Dash-Button ein bestimmtes Produkt auf Knopfdruck bei Amazon nachbestellt, ist Alexa das Ohr von Amazon im Haus des Shoppers. Mit einfacher Sprachaktivierung pflegt Alexa u.a. die Einkaufsliste – die Bestellung erfolgt dann „natürlich“ über Amazon. Lange Zeit haben sich insbesondere die Lebensmittel-Händler daran erfreut, dass die deutschen Shopper offensichtlich kein großes Interesse an Online-Shopping, Click & Collect bzw. an Lieferdiensten hatten. Man hat viele Anbieter kommen und gehen sehen, Aussagen zur Rentabilität der entsprechenden Angebote der etablierten deutschen Einzelhändler bekommt man nicht. Jetzt startet Amazon mit Amazon Fresh. Prompt warnt Rewe-Chef Alan Capparos in der Rheinischen Post: „Wir müssen uns warm anziehen“. Laut einer Studie von Oliver Wyman könnten zukünftig sechs bis acht Milliarden Euro vom stationären Lebensmittelhandel zu den Online-Lieferdiensten abwandern. Auch wenn die Lebensmittelzeitung für Amazon Fresh bis 2021 „nur“ 120 Millionen Umsatz prognostiziert muss man berücksichtigen, dass bei einer Reduktion des durchschnittlichen Warenkorbs im stationären LEH von nur ein bis drei Euro pro Kauf lt. Wyman viele Filialen nicht mehr wirtschaftlich erfolgreich seien können. Der Analyse zufolge könnten rund 15 Prozent der Supermärkte – 1.500 bis 1.700 in absoluten Zahlen – bald Verluste machen, wenn diese Prognose tatsächlich eintritt. Etwa 40.000 Arbeitsplätze stünden im stationären Handel damit auf der Kippe.

Josef Willkommer kommentiert dies in seinem Blog auf der Seite Techdivision.de wie folgt: „Die Komfortzone, in der sich der klassische Handel viele Jahre befunden hat, hat zu Bequemlichkeit und in manchen Fällen auch zu Hochnäsigkeit geführt.“ Und weiter: „Auf der einen Seite werden Amazon, Zalando & Co. an den Pranger gestellt und als Sargnagel für den klassischen Handel abgestempelt, auf der anderen Seite sieht man dann häufig tatenlos zu, wie die jungen Wilden die Ärmel hochkrempeln und durch Engagement und Kreativität sowie die Nutzung der inzwischen vorhandenen und extrem mächtigen Technologien coolen ,Shit‘ produzieren und dabei – wie es sich für einen inzwischen meist vorhandenen Käufermarkt gehört – auch den Kunden im Fokus haben.“ Die Frage, ob der Händler denn auch seinen Kunden im Fokus hat, wird wohl kaum ein Händler mit „Nein“ beantworten. Gleichwohl: Fokussieren bedeutet, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und „Nebengeräusche“ auszublenden. Gelingt dies dem Einzelhandel tatsächlich? Oder konzentrieren sich die Händler immer noch zu sehr auf notwendige, aber lästige Nebentätigkeiten? Ware verräumen, Preise auszeichnen, Ware vorziehen, Abkassieren. Zwar sieht der Shopper, dass der Händler sich müht, aber mehr um die Ware als um den Shopper selbst. Dazu passt auch, dass laut einer aktuellen Studie von Cap Gemini 40 Prozent der deutschen Shopper das Einkaufen im Shop als lästige Pflicht empfinden. 71 Prozent finden es schwierig, Produkte zu vergleichen, 66 Prozent stören sich an langen Warteschlangen an der Kasse, 59 Prozent beanstanden, dass Werbeaktionen im Laden für sie irrelevant sind und 66 Prozent finden schlichtweg die gesuchten Produkte nicht. Dies gipfelt dann darin, dass 40 Prozent der Shopper den klassischen Einzelhandel in Zukunft für nicht mehr wichtig erachten. Auf der anderen Seite wollen immer noch drei Viertel aller Shopper die Waren vor dem Kauf sehen und anfassen können.

Um diesem Trend entgegen zu wirken und dem Shopper das berühmte „Einkaufserlebnis“ zu verschaffen, hilft Automatisierung und Digitalisierung am POS. Es gilt, lästige Tätigkeiten zu eliminieren, notwendige Abläufe – wie z.B. das Vorziehen der Ware oder das Bezahlen – zu automatisieren und die dadurch frei werdenden zeitlichen Ressourcen für Service am Shopper zu nutzen. Amazon Go hat es vorgemacht, Zebra Technologies hat auf der diesjährigen NRF in New York ebenfalls entsprechende Technologien vorgestellt. Und wenn Sie sehen möchten, wie die Zukunft des stationären Handels funktioniert, lade ich Sie herzlich auf die EuroShop auf den Messestand der Firma POS Tuning (Halle 3, Stand A96) ein. Unter dem Motto „Automatisieren, Digitalisieren, Fokussieren“ zeigen wir neben neuen Technologien zur Automatisierung der Regalpflege den „Pocket Shop“, den Shop für die Hosentasche mit dem der Shopper in Zukunft online stationär einkaufen kann. Greift der Shopper ein Produkt, so landet dies automatisch auch in seinem virtuellen Einkaufskorb. Legt der Shopper das Produkt zurück, verschwindet es aus dem virtuellen Einkaufskorb. Die Bezahlung erfolgt ebenfalls vollautomatisch in dem Moment, in dem der Shopper den Laden verlässt. Der Pocket Shop funktioniert aber nicht nur im Shop sondern auch an Verkaufsautomaten. Gleichzeitig ist der Pocket Shop der direkte Draht zwischen Hersteller, Händler und Shopper. Funktionen, die dem Shopper aus dem Online-Shop bekannt sind, lassen sich damit auch auf die traditionellen Vertriebswege übertragen.

Die heutige Situation im stationären Einzelhandel erinnert mich an den Sputnik-Schock von 1957. Amazon ist im Wettlauf um den stationären Shopper mehr als auf Augenhöhe. Es liegt nun am stationären Einzelhandel, ob er die Zukunft des Einkaufens gestalten will, oder ob er das Spielfeld einem amerikanischen Online-Buchhändler überlassen möchte.In diesem Sinne: Happy Shopping!

Oliver Voßhenrich, Geschäftsführer und Category Manager, POS TUNING

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